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Stämme 1999
mare 2000

 

 

mare, Nr. 19, 2000

Nur noch der Schatten eines Paradieses

Text: Hans-Christof Wächter, Fotos: Knut Gielen

„Das typisch nauruanische Anwesen ist ein wirr zusammengeschustertes, hoffnungslos ramponiertes Hüttenensemble aus Hohlblock, Pressplatte und Wellblech, umgeben von Autoreifen, Bootsmotor, Gefriertruhe, Wassertank, Krims und Krams. Nicht zu vergessen: drei Automobile, eins als rostendes Wrack, eins gerade noch fahrtüchtig und eins aus neuester Produktion, chromblitzend und airconditioned. Was man so braucht für 19 Kilometer Straße...“

Zur einen Seite der Insel Strand, Lagune, Riff, Blauwasser bis zum Horizont und darüber ein leuchtender Tropenhimmel - Südseeidylle pur - wird der Blick nicht durch allenthalben rottende Müllhaufen getrübt.

Auf der meerabgewandten Seite wird es schwieriger die Abfälle zu übersehen. Die 21 Quadratkilometer große Insel mit ihren 10600 Einwohnern scheint nicht auf Korallenfels, sondern auf dahinrottenden „Victorie Bitter“-Bierdosen gegründet.

In Aiwo, Naurus inoffizieller Hauptstadt, ist eigentlich alles abgewrackt und armselig. Das Rathaus, ein klotziger Bau beherrscht das Stadtbild. Lagerhallen reihen sich aneinander. Eine kleine Kirche versucht, sich neben diesen tristen Gebäuden zu behaupten. Über die Straße schlängeln sich auf Stelzen die Förderbänder, mit den der Inselrohstoff zu den Verladekränen in der Lagune transportiert wird.

Dabei sind hier über die Jahrzehnte Abermillionen Dollar bewegt worden, Gewinne aus dem für Staat und Landeskinder lukrativen Phosphatabbau. Nauruaner arbeiten nicht mehr. Sie lassen arbeiten. Sie managen und makeln lieber, oder widmen sich dem „keramen“, nauruanisch für „Nichtstun“. Kontraktarbeiter bauen den Phosphat ab, löschen Frachtschiffe und halten die Wasserfabrik in Gang.

Seit der Entdeckung der Insel durch die Weißen, hat sich das Leben der Inselbewohner grundlegend verändert. Das traditionelle Inselleben ist zerstört. Die soziale Pyramide sieht heute so aus: Ganz oben stehen die Familien mit dem größten Phosphatlandbesitz; sie bilden zugleich die oberste politische Kaste und wohnen auch ganz oben, unsichtbar in ihren Villen auf dem bewaldeten Rand des Hochlandes. Unten wohnen die „Armen“ mit geringerem Landbesitz. Weit darunter stehen die ausländischen Gastarbeiter mit ihren Wohnsilos am Hafen.

Hans-Christof Wächter, Jahrgang 1940, lebt als Autor und Theaterregisseur in Berlin. Knut Gielen, geboren 1964, ist freier Fotograf und Mitglied der Agentur Plus 49/Visum. Beide bereisten für mare die Südsee. In No. 15 berichteten sie von der Seefahrtschule auf Kiribati, in No. 16 von den Albatrossen auf Midway.

Textzusammenfassung: wbo

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