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Stämme, 1999

Nauru - kleinste Republik der Welt

von Burkhard Herbote, Beckum

Eines frühen Morgens im Jahre 1798 rief der Mann im Ausguck des Walfangschiffes Hunter "Land in Sicht! Alle Mann an Deck!" Dieses war (aus Sicht der Kolonialmächte) der Augenblick der Entdeckung Naurus, einer nur wenig mehr als 21 km2 großen Insel im Pazifischen Ozean. Diese Insel liegt ziemlich isoliert ca. 50 Km südlich des Äquators, etwa genau in der Mitte zwischen Sydney und Honolulu. Als erster Europäer setzte John Fearn, Kapitän des Walfangschiffes Hunter, seinen Fuß auf Nauru und taufte die Insel ‚Pleasant Island'. Diesen Namen sollte sie bie 1888 behalten.

Die Herkunft der Bevölkerung ist noch bis heute ein Rätsel. Sie kann möglicherweise aus der letzten malayo-pazifischen Völkerwanderung (etwa um 1200 nach Christus) erklärt werden. Wahrscheinlich waren es seefahrende oder schiffbrüchige Polynesier, die sich niederließen, denn eine Urbevölkerung gab es nicht. Im 19. Jahrhundert war Nauru ein berücktigter Stützpunkt ausländischer See- und Strandpiraten. Gleichzeitig waren die Nauruaner untereinander in blutige Stammesfehden verwickelt. Den Kolonialmächten der Region war dieses ein Dorn im Auge. Auf Druck deutscher Kaufleute, die bereits in den 70er Jahren Niederlassungen und Kokosplantagen auf der Insel gründeten, wurde Nauru dann 1888 von den Deutschen aus Neu-Guinea dem deutschen Protektorat der Marshallinseln einverleibt. Es endeten die internen Kämpfe, die beinahe zur Selbstvernichtung des Volkes geführt hätten, und Nauru wurde Teil des deutschen Kaiserreichs. Somit nam der Alltag einen "geordneten" Lauf.

Was ein Türstopper so alles in Bewegung setzen kann

Bald jedoch sollte sich das Leben der Inselbewohner ändern. Alles fing damit an, daß ein Kaufmann einen Felsblock aus nauruischem Schichtgestein zu einer Handelsfirma nach Australien schickte. Er fragte, ob es möglich sei, aus diesem Gestein Kinderfiguren herzustellen. Auf eine Antwort sollte er jedoch einige Zeit warten. Erst 1900 sah der Angestellte der Handelsfirma in Sydney, Albert Ellis, diesen seltsamen Stein und ließ ihn untersuchen. Bis dahin lag der Stein jahrelang in einem Büroraum der Firma und wurde dort als Türstopper benutzt. Das Ergebnis der anschließenden Analyse war erstaunlich, denn dieser "Türstopper" bestand zu 80% aus reinem Phosphat. Schon bald fanden die Australier heraus, daß sich auf Nauru noch mehrere solcher "Türstopper" befanden, ja, daß dort sogar ein riesiges Phosphatlager existierte. Das Gestein aus hochwertigen Phosphaten, aus dem fast die gesamte Insel besteht, entstand aus den "Hinterlassenschaften" urzeitlicher Vögel, die vor vielen Millionen Jahren hier nisteten oder auch nur als einen dankbaren Stopp in der Weite des Ozeans nutzten. Aus deren "Visitenkarten" entstand im Laufe der Zeit der in aller Welt gefragte Guano-Dünger.

Gewitzte Kaufleute erkannten sofort ihre Profitmöglichkeiten, und nach einigem Hin und Her wurde 1905 in deutsch-britischer Zusammenarbeit die Pacific Phosphate Company gegründet.

Sie beschäftigte sich dann seit 1906 mit dem Abbau der Phosphatvorkommen. Hierfür wurden Fremdarbeiter von den Gilbertinseln (heute Kiribati) und China angeworben. Die Freude auf deutscher Seite war allerdings nicht von langer Dauer. Mit Ausbruch des I. Weltkrieges 1914 verloren die Deutschen ihren Anteil an diesem Unternehmen. Australier übernahmen die Herrschaft und verwalteten Nauru als Mandatsgebiet im Auftrag Großbritanniens und Neuseelands, bis im II. Weltkrieg, 1942, die Japaner die Insel besetzten. Die 1200 Insulaner wurden als Zwangsarbeiter auf die Insel Truk verschleppt. Nur 700 überlebten und kehrten 1945 nach Nauru zurück, das von da an als UNO-Treuhandgebiet von Australien verwaltet wurde.

Wie man aus Mist Geld machen kann

Seit 1968 ist die Insel ein unabhängiger Staat, genauer gesagt, die kleinste Republik der Welt. Der erste Staats- und Regierungschef war über 20 Jahre lang, inkl. kurzer Unterbrechungen, der authoritäre Präsident Hammer DeRoburt. Mangels Personal hatte er nebenbei auch die Ämter des Ministers für Inneres, Äußeres, Inselentwicklung, Industrie, Zivilluftfahrt und öffentliche Dienste inne. Die letzten Jahre zeichneten sich aus durch politische Instabilität, in der zum Teil die Regierung mehrmal im Jahr geändert wurde. Wie lange sich der jetzige Präsident Rene Harris halten kann, wird sich zeigen.
Von den Bodenschätzen profitieren konnte Nauru erst nach zwei Jahren. Seitdem aber wird Tag für Tag mit mechanischen Greifern das Phosphat vom Kalkboden abgekratzt und über Transportbänder auf die vor dem Riff ankernden Schiffe verladen (jährlich ca. 2 Millionen Tonnen). Übrig bleibt eine öde, unbewohnbare Mondlandschaft aus Korallenresten und Geröll, deren Besuch unbedingt zu empfehlen ist. Es wurde zwar versucht, die Korallenruinen mit importiertem Mutterboden wieder aufzufüllen, zum Teil wuchert auch schon wieder üppiges Grün auf der Korallenlandschaft, aber wegen der doch recht großen Fläche wurde das Vorhaben wieder aufgegeben. Die Beschäftigten der Mine sind fast ausschließlich Fremdarbeiter aus Kiribati, Tuvalu, den Philippinen, Hongkong, Australien und Neuseeland. Die Fremdarbeiter und deren Familien stellen rund 40% der etwa 10.000 Personen zählenden Inselbewohner. Aber nicht unbedingt weil es so viel Arbeit gibt, sondern vielmehr, weil die große Mehrzahl der Nauruaner es vorzieht, lieber nicht zu arbeiten. Warum auch? Der Staat nimmt durch den Vogeldreckexport derart viel Geld ein, daß alle davon leben können. Und sie leben gut, sehr gut; denn sie haben nach verschiedenen statistischen Quellen das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt. Jetzt soll noch einer sagen "Geld stinkt nicht".

Von der Dreck-Insel zum "Schlaraffenland"

Man muß sich das einmal vorstellen: Da gibt es irgendwo in der Südsee einen Inselstaat, in dem jeder Bürger in statistischen Durchschnitt 7.000 Australische Dollar (A$) pro Monat als Gewinnanteil in Verwaltungsregie der Regierung einnimmt. Einige bekommen mehr, andere weniger; den größten Anteil sahnen die Landbesitzer (= Familienoberhäupter) der Schürfgebiete ab.
Anders ausgedrück, hat jeder Nauruaner bis zur Jahrtausendwende durch seine Geburt auf Nauru rund 1,2 Millionen DM "verdient" - statistisch. Allerdings wird ein Großteil dieser Beiträge zentral angelegt oder investiert. Dazu kommt, daß sämtliche Sozialleistungen wie Wohnen in Regierungshäusern, Erziehung, Gesundheitswesen usw. natürlich kostenlos sind. Für medizinische Spezialbehandlungen, wie schwierige Operationen, werden Nauruaner nach Australien ausgeflogen. Die Krankenhauskosten und das Flugticket übernimmt die Regierung. Einfuhrzölle sind sehr gering und zur Krönung sind Einkommens- oder sonstige Steuern auf Nauru ein Fremdwort. Die Bevölkerung lebt relativ sorglos in den Tag hinein; viele haben keinen geregelten Tagesablauf. Man vertreibt sich die Zeit u.a. mit dem Fangen und Züchten von Fregattvögeln, den Ururururur.......enkeln derer, von dessen Hinterlassenschaften die Insel noch heute profitiert. Diese Fregattvögel sind gewandte Flieger, die z.B. Fliegende Fische jagen. Wegen ihres guten Orientierungsvermögens werden sie, ähnlich wie Brieftauben, zum Transport des neuesten Inselklatsches verwendet. Da der Alkohol wegen der niedrigen Einfuhrzölle recht günstig ist, erlebt man es häufig, daß Leute mit einer Flasche in der Hand durch die Gegent Streunen. Oft wird man zu einem feucht-fröhlichen Fest geladen. Irgendeinen Anlaß gibt es immer, und wenn nicht, dann "strickt" man sich eben einen.
Das eigentliche Hobby steht unter dem Motto ‚Konsum', und das auf Teufel komm raus - soweit dieses die örtlichen Geschäfte und der Import zuläßt. So wird z.B. eher ein neues Auto oder Motorrad der Spitzenklasse gekauft, als das alte in Reparatur zu geben. (Dabei gibt es nur eine einzige Straße, die rund um die Insel führt und nur 18 km lang ist.) Überhaupt hat jeder von allem das Größte, das Beste, das Schönste; aber wenn trotzdem mal etwas fehlt, dann fliegt man vielleicht nach Tarawa (Hauptstadt von Kiribati) oder Guam zum Einkaufen. Für größere Besorgungen wird schon mal Australien angesteuert. Oft wird auch einfach nur dem recht eintönigen Inselalltag entflohen, und man setzt sich in den nächsten Flieger in Richtung "Abwechslung". Das ist mit der eigenen Fluggesellschaft Air Nauru kein Problem. Die Boeing-Jets fliegen ja sowieso nur mit 20-30%iger Auslastung und somit auch in den Roten Zahlen, denn alle Bewohner können sich die Hin- und Herfliegerei natürlich auch nicht leisten. Um den Verlust in akzeptablen Grenzen zu halten, wurden die Preise einiger Strecken um bis zu 50% erhöht. Trotzdem bleibt Air Nauru in der Region der günstigste Anbieter; allerdings muß man in Kauf nehmen, daß er nicht immer ganz pünktlich und zuverlässig ist.

Alles hat zwei Seiten

Wer jetzt aber denkt "So gut will ich es auch einmal haben. Auf nach Nauru!", der wird enttäuscht zurückkehren. Besucher sind dort durchaus gern gesehen, die meisten Privilegien bleiben allerdings den Nauruanern vorbehalten. Auch muß man bedenken, daß dieser hohe Lebensstandard, insbesondere in Kombination mit einer gewissen Eintönigkeit, große Nachteile mit sich führt. So fällt ein Großteil der Nauruaner durch seine Fettleibigkeit auf, und ca. 44% (!) der über 20jährigen Bevölkerung ist wegen "Überfütterung" und starkem Alkoholismus zuckerkrank. Dieses ist laut World Health Organization (WHO) mit Abstand die absolute Weltspitze - im negativen Sinne. 1997 unterzeichnete die Regierung einen Vertrag mit dem Internationalen Diabetes-Institut (IDI) über ein Lanzgeitprojekt zur Diabetesforschung. Für einen Zeitraum von 20 Jahren stellen sich die Nauruaner für genetische Untersuchungen zur Verfügung. An den wirtschaftlich verwertbaren Ergebnissen der Studie wird Nauru beteiligt.

In absehbarer Zeit wird das "Schlaraffenlanddarsein" sein Ende finden. Man rechnet damit, daß in ca. 10 Jahren fast sämtliches Phosphat exportiert ist. Übrig bleibt dann nur ein 150 bis 300 Meter breiter bewohnbarer Küstenstreifen. Die wachsende Bevölkerung müßte entweder enger zusammenrücken - oder umziehen. Australien hat Nauru bereits eine der Queensland vorgelagerten Inseln angeboten; bislang hat die Regierung aber dankend abgelehnt, denn damit wäre auch der Verlust der politischen Unabhängigkeit verbunden. Wahrscheinlich wird es aber auf Dauer auf so eine oder eine ähnliche Lösung hinauslaufen. Spätestens aber, etwas übertrieben formuliert, wenn fast die gesamte Insel exportiert ist und die Bagger und Greifer vor den Häusern und Gärten der Bewohner ihre Arbeit aufnehmen, kommt man wohl auf das australische Angebot zurück, im Pazifik wird erneut eine Völkerwanderung stattfinden - der ganze Staat zieht um. Ein Unikum.
Man wird sehen; andere Alternativlösungen werden, unter anderem mit Hilfe der Vereinten Nationen überlegt.
Für die Zeit nach dem "Ausverkauf der Insel" legt die Regierung große Summen in Immobilien, Wertpapieren, Aktien usw. im Ausland an. So gibt es z.B. Hochhäuser (z.T. Hotels) Naurus in Hongkong, Saipan, Guam, Samoa, Texas, und, nicht zu vergessen, in Melbourne. Der 50stöckige Nauru-Tower in Melbourne, in dem mehr Menschen Platz haben als Nauru Einwohner hat, wird respektlos "Birdshit-Tower" genannt.
Die Nauru Phosphate Royalities Trust, die das Einkommen der Insel verwalten und anlegen, hat sich mehr als einmal verspekuliert. Dazu kommt das oft ruinöse Geschäftsgehabe der Air Nauru und der Reederei Nauru Pacific Line, so daß die Regierung neuerdings immer wieder zu drastischen Sparmaßnahmen veranlaßt wird, so zum Beispiel einen mehrjährigen Gehaltsstopp im öffentlichen Dienst.

Und die Moral von der Geschicht.....

Wer Nauru im Rahmen eines Südseetrips besuchen möchte, sollte das bald tun. Außer den einer Mondlandschaft gleichenden Phosphatminen und der kleinen Chinatown mit großem Warenangebot gibt es dort zwar nicht allzuviel Sehenswürdigkeiten. Wer aber den Problemen des streßigen Arbeitsalltags entfliehen und mal ausgiebig "nichts tun" möchte, wird auf Nauru einen erholsamen Urlaub erleben.

Der Autor, Burkhard Herbote, Mitglied der Deutsch-Pazifischen Gesellschaft e.V. und Herausgeber der Nachschlagewerke "Handbuch für deutsch-internationale Beziehungen" und "World Tourism Directory" bietet den an Nauru interessierten Lesern von "Stämme" eine Anschriftenliste zu weiterführenden Informationsstellen an. Diese kann gegen 20,- DM und einen mit 3,-DM frankierten und an sich selbst adressierten Rückumschlag (A/5) angefordert werden bei: Burkhard Herbote, Klarastr. 22, 59269 Beckum.

(c) Burkhard Herbote, Beckum www.herbote.com
Korrektur- und Ergänzungsvorschläge bitte an burkhard@herbote.com

 

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